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Kommentare zu Philipp Lahm zeigen das ganze Dilemma Sollen sich schwule Fußballspieler outen oder nicht? Philipp Lahm rät in seinem Buch von einem sogenannten Coming-out ab – jedenfalls während der Zeit als aktive Spieler. Die Folgen könnten derart schwerwiegend sein, dass nicht jeder das aushalte. Die Kommentare in einigen Medien zeigen das ganze Dilemma in unserer doch angeblich so aufgeklärten und fortschrittlichen Gesellschaft. Eine "fatale Aussage und ein deutlicher Rückschritt im Kampf um Akzeptanz" heißt es da zum Beispiel: "Im Jahr 2021 sollte es erstrebenswert sein, dass das Versteckspiel Betroffener endet." Ein starkes Zeichen sei es, dass im Magazin "11 Freunde" ein emotionaler Appell von 800 Fußballer und Fußballerinnen homosexuelle Spieler zum Coming-out ermuntert hätten. In einem anderen Medium wird Lahm zitiert mit: "Es möge Städte und Vereine geben, wo solch ein Schritt eher möglich wäre als anderswo." Damit hat er wohl Recht. Leider. Lahm vermutet (ganz richtig), Fans mit "menschenverachtender Gesinnung" würden sich " auch unter den Zehntausenden finden, die in einem Fußballstadion zusammenkommen." Und er mahnt, keiner brauche "mit dem Finger auf Russland oder die Türkei zu deuten, wenn es um die Verfolgung von Schwulen geht, sondern wir sollten weiterhin vor unserer eigenen Haustür fegen." So ist es. Denn was sich da zeigt, was er beschreibt, das ist für ein Denken im 21. Jahrhundert an Peinlichkeit nur sehr schwer zu überbieten. Da kam man sich nur an den Kopf fassen. Ganz schlimm wird es in den Kommentaren der Leserspalten. Da ist die Rede von "Geschwafel über Toleranz, Gender, Anti-Rassismus" und gleichzeitig setze der islamische Kulturkreis seine "Gesetze" durch. Ein anderer hält Fußball grundsätzlich für einen Proletensport, bei dem Spieler und Publikum zum "überwiegenden Teil aus bildungsfernen Unterschichten, dem Pöbel, dem Proletariat" bestehen würden. Sich zu outen wäre reinster "Selbstmord"! "Warum soll man sein Sexualleben öffentlich machen, das ist in erster Linie Privatsache. Die gleichgeschlechtlichen Beziehungen sind gesellschaftlich akzeptiert und man braucht sie nicht immer als etwas Besonderes herauszustellen." "So traurig es ist, ganz unrecht hat Lahm nicht. Gerade den gegnerischen Fans ist jede vermeintliche Schwäche Grund genug, um öffentlich darüber herzuziehen." "Um was für einen Haufen Hirnloser muss es sich handeln, wo sexuelle Orientierung als Schwäche angesehen wird. Einfach nur lächerliche Witzfiguren diese sogenannten Fans." Einige nennen es "lebensklug", wenn Lahm davon abrät, sich zu outen. Andere meinen, jemand müsse nun mal den ersten Schritt tun, damit sich in der Einschätzung der Menschen etwas ändert. Dabei ist die Frage, die wir alle uns stellen sollten, eine völlig andere – nicht ob sich schwule Männer oder lesbische Frauen outen sollen oder lieber nicht. Die Frage ist, wann Menschen (nicht nur im Sport) ausschließlich auf das mehr oder weniger (oder gar nicht) ausgeprägte Menschsein achten. Kaum jemand kommt zu dem einzig zwingenden Schluss: Muss man sich fragen, in was für einem Land man lebt, in dem weite Teile der Gesellschaft so rückständig sind. Ob jemand lesbisch oder schwul denkt, fühlt, lebt, ob jemand evangelischen, katholischen, moslemischen oder orthodoxen Glaubens ist, ob jemand Kartoffeln, Nudeln oder Reis bevorzugt – das alles geht ausschließlich die betreffende Person etwas an und sonst niemanden.
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