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Keine Kontrolle – Leser schreiben ohne jede Hemmung Bei gedruckten Medien sind (oder waren zumindest) oft die Leserbrief-Spalten oder ganzen -Seiten eine nicht weniger spannende Lektüre als die Meinungsäußerungen der professionellen Schreiber. Manchmal unterschieden sich die beiden wie ein Blick in das einsame Zimmer eines Elfenbeinturms einerseits und wie ein solcher in das pralle Leben der Realität andererseits. Jedenfalls war das früher einmal so. Manche "Edelfedern" scheinen immer noch in ihrem Elfenbeinturm zu sitzen. Der andere Blick führt heutzutage allerdings weniger in pralles Leben, sondern eher in eine Jauchegrube. Seinerzeit leisteten Qualitätsmedien sich eine Leserbriefredaktion, die ausschließlich oder doch zumindest hauptsächlich mit der Überprüfung derjenigen Kommentare beschäftigt war, die ihre Leser zu einem gerade aktuellen Thema beitragen und veröffentlicht sehen wollten. Zunächst stellte schon das Sekretariat fest, ob der Brief überhaupt einen Absender trug. Sodann durch Rückfrage, ob der auch der Urheber des Schreibens war. Anonyme Post oder solche mit gefälschten Absenderangaben flog grundsätzlich in den Papierkorb. Danach prüfte der Leserbriefredakteur, ob die Meinungsäußerung thematisch passte – und ob sie in Sprache und Ausdrucksweise normalen Konventionen entsprach. Aneinanderreihungen von Beleidigungen, absichtliche Herabsetzung von Personen oder offensichtlich falsche Behauptungen hatten so keine Chance und wurden entweder ganz gestrichen oder in Abstimmung zwischen Redakteur und Verfasser in eine Form gebracht, mit der beide Seiten leben konnten. Bei den gedruckten Medien scheinen solche Qualitätskontrollen nicht mehr auf dem Plan zu stehen. Aber zumindest stehen noch Namen und (manchmal) Wohnort unter den Leserbriefen. Gelegentlich zumindest. Anders bei den Internetseiten dieser Medien. Da begnügen sich einige mit der Kennzeichnung durch lediglich beliebige Buchstaben-Zahlen-Kombinationen. Und auch bei den Inhalten der Leserantworten machen die Medien es sich sehr einfach. Wenn zu bestimmten Themen der Pöbel die Oberhand gewinnt, dann wird die Kommentarfunktion ganz einfach abgeschaltet mit dem Hinweis: "Aufgrund wiederholter und im massiven Umfang unsachlicher Kommentare, die keinen anständigen Meinungsaustausch mehr ermöglichen, sehen wir uns leider gezwungen, das Kommentarforum für dieses Thema zu schließen." Das ist nicht nur die einfachste Lösung des Problems, sondern vor allem auch die billigste. Was aber die Schreibwütigen nicht davon abhält, trotzdem ihre Meinung von sich zu geben. Sie wechseln in eines der fälschlicherweise sozial genannten, aber in Wirklichkeit zutiefst asozialen Medien im Internet. Da ist so gut wie alles möglich – von den angeblichen Prüfungen oft keine Spur. So veröffentlichte ein irrer Schmutzfink unter dem Pseudonym eines früheren DDR- Staatsratsvorsitzenden den Kommentar, bei Bundeskanzlerin Angela Merkel handele es sich um eine Mörderin. Die Beschwerde eines Lesers über diesen Text wurde von dem Systembetreiber glatt abgebügelt: "Wir haben uns die gemeldete Seite angesehen und festgestellt, dass sie gegen keinen unserer Gemeinschaftsstandards verstößt." Heutzutage kann jeder aufgeblasene Getränkepanscher abgrundtief dümmliche Kommentare in seinen erbarmungswürdig-miserablen Deutsch-Kenntnissen aus dem mangels Tauglichkeit abgebrochenen Baumschul-Besuch in die Tastatur seines Computers tanzen und problemlos in die "sozialen" Medien senden, also in die Welt posaunen.
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