franzleomai.de Glossen - Infos - Kommentare
Die Spiegel-Überschrift entblößt nicht Lionel Messi Das waren noch Zeiten, als der Spiegel mit einem Artikel über den Zustand der Bundeswehr einen Orkan in die politische Landschaft blies. "Bedingt abwehrbereit" war der Knüller überschrieben. Der Satz allein war schon ein Meisterwerk: Er reizte zum Lesen – und er entsprach der Wahrheit. Dagegen lesen sich heute Überschriften manchmal wie untaugliche Versuche von nur wenig talentierten Praktikanten. "Der entblößte Fußballkönig" ist so ein Beispiel. In dem Text geht es darum, dass "Messis Rekordvertrag veröffentlicht" worden sei, wie die Dachzeile in das Thema einführt. Keine Frage: Was da mitten in seiner Schuldenkrise des FC Barcelona in die Presse lanciert wurde, hat sicher Sprengstoff. Wie die Zeitung El Mundo veröffentlichte, hätte Messi bei optimalem Verlauf für vier Jahre die Maximalsumme von 555.237.619 Euro bekommen können. Wegen einiger verpasster Titel schafft er das jetzt nicht mehr. Aber über 500 Millionen hat er schon sicher. 500 Millionen, eine halbe Milliarde. Kaum vorstellbar. Einmal abgesehen davon von der falschen Zuordnung, wer da entblößt wurde: Dem Hamburger Nachrichtenmagazin, das früher für Qualität stand, darf es einfach nicht passieren, "bekommen" mit "verdienen" gleichzusetzen. Messi bekommt über eine halbe Milliarde für vier Jahre – verdient hat er die nicht. Kein Mensch "verdient" eine solche Summe. Insofern entblößt die Überschrift nicht den Ausnahme-Balltreter, sondern das Konstrukt, das derartige Auswüchse möglich macht. Auch wenn die Zahlen in anderen Ländern nicht ganz so weit in diese unglaublichen Höhen geschnellt sind (jedenfalls bisher noch nicht), haben die Summen, mit denen "im Sport" herumgeworfen wird jeden Maßstab verloren. Manche argumentieren derlei Entwicklungen mit den Gesetzen des Marktes. Stimmt. Fußballer und andere Sportler nutzen aus, was der Markt hergibt. Und das normale Volk zahlt – in der Annahme, so müsste das sein. Nein, muss das absolut nicht. Wo steht, dass der Markt alles richtet? Das tut er für einige, nämlich für diejenigen, die ohnehin schon oben auf der Welle schwimmen. Aber nicht für die riesige Mehrheit. Würden diese Profi-"Sportvereine", bei denen es sich in Wirklichkeit eher um Sportzirkus, um Großunternehmen der Unterhaltungsindustrie handelt, lediglich das Geld ausgeben, das sie mit ihrer Sportart erwirtschaften, dann wäre da tatsächlich ein Markt, der möglicherweise sogar für einen gewissen Ausgleich stehen könnte. Aber das System wird gründlich verwässert. Immer noch kommen manche Unternehmen in den Genuss, als "gemeinnützig" zu gelten und steuerliche Vorteile ergattern zu können. Und immer noch werden horrende Summen aus den mehr als acht Milliarden von so gut wie allen bundesdeutschen Haushalten abgepressten Zwangsgeldern für sie abgezweigt – obwohl die Öffentlich-Rechtlichen angeblich aus dem letzten Loch pfeifen und mit aller Gewalt eine Erhöhung der Zwangsgelder verlangen. Vor dem Hintergrund passt in die Spiegel-Überschrift zwar das Wort "entblößt". Aber es steht in einem völlig falschen Zusammenhang: Eine Gesellschaft, die einem (wie sehr auch immer begnadeten) Balltreter für vier Jahre Herumhopsen in der Zirkusmanege über eine halbe Milliarde in den Schlund wirft, die ist mit dem Attribut spätrömischer Dekadenz nur unzureichend beschrieben. Entblößt wird nicht Messi, der das Geld so annimmt, wie es jeder andere auch tun würde. Entblößt werden alle, die solche Perversitäten zulassen – vielleicht sogar unterstützen durch den Kauf überteuerter Devotionalien von Balltretern und Vereinen, Eintrittskarten in die Fußballarenen oder auch "nur" durch Einschalten von Fernsehern oder Rundfunkgeräten bei "Spielen" von Profi-Fußballern.
franzleomai.de Glossen - Infos - Kommentare Inhalt