Wo sich der Balljunge als Mittelstürmer produziert
Man muss Patrick Schnieder nicht für einen begnadeten Verkehrsminister halten – nur weil er es
schaffte, sich von den Vorgängern aus der CSU dadurch zu unterscheiden, dass er deutlich weniger
Geld verbrannt hat als beispielsweise Andreas Scheuer. Sie wissen schon, das ist der Inhaber eines
„kleinen Doktorgrades“, den er nur in Bayern und Berlin führen darf, der mit seinem Maut-Desaster
einige hundert Millionen Steuern verprasste, damit als Geldverschwender allerdings hinter dem
inzwischen zum Glück geschassten Jens Spahn mit seinen Masken-Milliarden nur den zweiten Platz
belegt. Zu bedenken ist bei der Beurteilung Schneiders Leistung, dass gerade im Bereich des
Verkehrs nicht mit kurzfristigen Aktionen das verbessert werden kann, was seine Vorgänger seit
Jahren, wenn nicht Jahrzehnten haben verschludern und verkommen lassen – wie Bahn, Brücken und
Straßen.
Aber eine solche Zitterpartie zum Abschied aus dem Amt hat Schnieder nicht verdient. Selbst der
jeder schnellen Aufregung unverdächtige behäbige Polit-Elefant Peter Altmaier meldete sich aus
seiner Rente und beschrieb seinen Gemütszustand als „betroffen und wütend“ darüber, wie sehr die
Umbesetzung vermasselt worden war: „Er ist ein erfahrener Fachmann, harter Arbeiter und
großartiger Mensch und Freund.“ Das Vorgehen werde weder Schnieders Person noch seiner Leistung
gerecht.
Nachdem Schnieder sich bereits von einigen Abgeordneten-Kollegen verabschiedet hatte als Folge
der Mitteilung des Bundeskanzlers, am nächsten Morgen entlassen zu werden, kam es dann doch
anders: Der als Nachfolger vorgesehene Finanzexperte Fritz Güntzler hatte dem Kanzler zwar am
Abend zuerst zugesagt, dann am nächsten Morgen aber aus fachlichen Gründen seine Zusage
zurückgezogen. Günzler war als gelernter Steuerberater und Wirtschaftsprüfer einige Jahre Mitglied
des niedersächsischen Landtages und seit über einem Jahrzehnt Mitglied des Bundestags – meistens
über die Landeslisten.
Jetzt kocht die christdemokratische Parteiseele richtig. Den Kommentar des früheren Kanzleramts-
Ministers Altmaier teilte auf der Plattform X Schnieders Bruder Gordon, der selbst als
Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wahrlich keine graue Maus bei den Christdemokraten ist.
Der aus Koalitionskreisen kolportierte Kommentar aus der gerade besonders aktuellen Fußball-Welt
„Ein Torwart sollte nicht Linksaußen spielen“ lässt außer Acht, dass die einzelnen Spieler sich ja
nicht selbst aufstellen, sondern von einem Trainer aufgestellt und organisiert werden. Auf das
Kanzleramt übertragen könnte man die Vorlage auch ein wenig umformulieren: „Niemand sollte sich
als großartiger Mittelstürmer Friederich produzieren, bei dem es in Wirklichkeit gerade man zum
Balljungen reicht.“
Die Kommentare von innerhalb und außerhalb der CDU sind sich weitgehend einig und bezeichnen das
Verhalten des Bundeskanzlers in der harmlosen Version als „uneleganten Rauswurf“. Sehr viel
deutlicher sind andere: Es handele sich um Willkür, eine Bundesregierung sollte nicht wie ein
Feudalkönigreich geführt werden. Merz zeige nicht nur menschlich ein völlig unakzeptables Verhalten
gegenüber Schnieder, der sich bei der Aktion in einem Urlaub in Island befunden haben soll, sondern
auch ein kommunikatives Desaster.