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Unsoziales Geschwätz gegen eine allgemeine Impfpflicht Wahre Sprüche zur aktuellen Pandemie-Situation gibt es reichlich: „Freiheit heißt nicht, dass man tun kann, was man will.“ – „Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ Das haben kluge Menschen wie die Philosophen Immanuel Kant oder Jean- Jacques Rousseau schon gewusst, als Corona noch nicht wütete. Dennoch berufen sich viele auf ihre angeblich „persönliche Freiheit“, sich nicht impfen lassen zu wollen. Das ist nicht nur abgrundtief dumm, sondern auch in einem kaum zu übertreffenden Maße unsozial. Wenn wir einmal die (relativ wenigen) Fälle ignorieren, in denen sich eine Impfung gegen Corona medizinisch bedingt nicht empfiehlt oder sogar verbietet, dann gibt es keinen vernünftigen Grund, sich nicht impfen zu lassen: Es geht darum, sich selbst zu schützen - und auch um den Schutz unserer Mitmenschen. Das führt zwingend zu der Frage, warum der Gesetzgeber anders als in anderen Fällen, von der Einführung einer Corona-Impfpflicht absieht. Die Antwort ist ebenso einfach wie menschenverachtend: Vielen Politiker geht es um nichts anderes als um Taktiken: Sie wollen warten, bis die Bundestagswahl vorbei ist – und hoffen, dass die Pandemie ihnen die Zeit lässt, sich erst danach festzulegen. Weil die AfD eine Impfpflicht generell ablehnt, haben die anderen Parteien Angst, mit einem offenen Kampf für eine Impfpflicht Wähler in die Arme der Braunen zu treiben. Da ist Wilfried Kretschmar, der grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, erfreulich anders. Er spricht sich klar für eine Impfpflicht aus. Viele andere Parteien und Politiker eiern im gewohnten Maß herum. Manchen verkünden dabei zugleich eine unglaubliche Dummheit. So verbreitet ausgerechnet die Justizministerin den Unsinn, eine Impfpflicht sei rechtlich gar nicht möglich. Und der lieber flott fahrende als denkende FDP-Leithammel posaunt sein Geschwätz von der Freiheit des Individuums heraus – und damit zugleich seine Ahnungslosigkeit, von Negativgetesteten gehe keine besondere Gefahr aus. Dabei lässt er außer Acht, dass bei Schnelltests nur etwa 60 Prozent der Infektionen erkannt werden. Schon 1807 war in Bayern als dem weltweit ersten Land die Impfpflicht gegen Pocken eingeführt worden. Nachdem 1871 in Deutschland eine Pocken-Epidemie ausgebrochen war, an der 180.000 Menschen starben, führte der Staat unter Otto von Bismarck eine Impfpflicht ein, die in Westdeutschland bis 1976 galt. Weltweit soll die Zahl der Pocken- Toten im 20. Jahrhundert bei 500 Millionen gelegen haben. Schon damals machten einerseits Verschwörungstheorien die Runde, sahen andererseits manche in der Impfpflicht einen Eingriff in die Natur und in „Gottes Schöpfung“. Die Fantasie der Verschwörer stand dem abartigen Gedankengut aktueller Spinner kaum nach: Während heute besonders Verbohrte publizieren, mit dem Corona-Piks würden Eingriffe in die menschlichen Gene vorgenommen oder Bill Gates ließe gar Miko-Chips einpflanzen, um die Weltherrschaft zu übernehmen, wurde damals allen Ernstes verbreitet, Impfstoffe könnten Menschen in Kühe verwandeln.
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