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Tage der Kunst als Anregung - oder Denk-mal Nein, der Übersee-Container in grellem Orange hat nichts mit Kunst zu tun. Finde ich zumindest. Das Teil steht mitten auf einem der schönsten Marktplätze am Niederrhein vor der Schwalmtaldom genannten Kirche und verschandelt zugleich die Sicht auf die prächtige und rund 150 Jahre alte Friedenseiche vor dem Rathaus. Der Container wird während der „Tage der Kunst“ neben einer ehemaligen Boutique, einem erst vor kurzem geschlossenen Café und einigen anderen Räumen zusätzlich für die Ausstellung von Kunstobjekten genutzt. Wer frühmorgens vor Pinos italienischem Eiscafé sitzt und da fast die Ruhe eines Urlaubstages im Süden genießt, der kann kaum ermessen, wie quirlig es hier bis vor einigen Jahren war. Eine stark befahrene Straße überquerte die jetzt für Kraftverkehr gesperrte Marktfläche, vor der Kirche endeten Buslinien für die aus allen Richtungen angekarrten Schüler. Rund um den Markt waren reichlich Geschäfte angesiedelt: Lebensmittel, Bücher, Haushaltswaren, Tabak, Blumen und Lederwaren gab es zu kaufen, zwei Friseure, ein Eissalon, ein Imbiss, drei Gaststätten, eine Wäscherei, ein Textilgeschäft, eine Apotheke, noch ein Tabakladen mit Lottoannahme und die Anzeigenannahme einer Zeitung warben um Kunden. Bei Frühjahrs- und Herbstkirmes war hier der Rummelplatz, dienstags und freitags fand ein Wochenmarkt statt. Zwei Restaurants, eine Gaststätte, ein Non-Food-Laden, zwei Versicherungsbüros, ein Schreibwarenladen, ein Imbiss und „mein“ Eiscafé sind noch übrig, nachdem die Gemeinde den Ortskern durch neue Straßenführungen und großzügige Ausweisung entsprechender Baugebiete für Supermärkte gewaltig ausgedünnt hat. Auch wenn man vor dem Hintergrund der Kenntnis familiärer und parteipolitischer Zusammenhänge mit den Eigentumsverhältnissen von Grundstücken nicht garantieren möchte, dass bei allen Entscheidungen das Wohl der Bürger im Vordergrund stand: Aus heutiger Sicht hätte es in der Summe der Ergebnisse noch viel schlimmer kommen können. Ob sich diese relativ positive Bewertung in Zukunft auch dafür heranziehen lässt, dass die Gemeinde bei einem direkt neben dem Rathaus am Markplatz gelegenen absoluten Filetstück von ihrem Vorkaufsrecht keinen Gebrauch machte, ist eher unwahrscheinlich. Bei dem Objekt handelt es sich um ein stattliches Geschäftshaus, an das sich nach hinten ein Innenhof anschließt, dem eine alte Scheune folgt und dahinter noch einmal eine mehrere hundert Quadratmeter große Freifläche. Zum Glück hat keiner der üblichen Immobilienhaie oder „Investoren“ das Rennen gemacht, sondern eine ebenso kapitalkräftige wie sozial engagierte Industriellenfamilie aus einer Nachbarstadt. Die will das Haupthaus mit dem Innenhof für Gemeinschaftsprojekte zur Verfügung stellen und dahinter aus der Scheune und einem noch zu errichtenden Anbau einen Waldorf-Kindergarten gestalten lassen. Vielleicht hat der an sich geschmacklose Container doch seinen Zweck als Kunst erfüllt, wenn es deren Sinn und Zweck ist, zum Nachdenken anzuregen – ein Denk-mal zu setzen. Ob ich doch noch einmal über meine bisherige Einschätzung der Fett-Ecke von Josef Beuys als Scharlatanerie und grandiose Verarschung seiner Bewunderer nachdenken sollte?
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