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Streiken in Deutschland umstritten wie nirgendwo sonst Wie in Deutschland über das Streiken gedacht wird, das hat niemand besser auf den Punkt gebracht als Emmanuel Peterfalvi, den unter seinem Geburtsnamen allerdings kaum jemand kennt. „Alfons“ nennt sich der in Frankreich geborene Kabarettist. Wem auch das noch nichts sagt, der weiß augenblicklich, wer gemeint ist, wenn man ihn beschreibt: Er tritt mit seiner Kunstfigur als rasender Reporter in orangefarbener Trainingsjacke auf und geht mit seinem übergroßen Mikrofon unter einem Windschutz auf Passanten zu, um ihnen mit französischem Akzent die absurdesten Fragen zu stellen. Aber neben derlei vordergründiger Komik verfügt Alfons auch über eine treffende Beobachtungsgabe. Das Verhältnis der Deutschen zum Streiken erklärt er ganz einfach: Sie tun es am liebsten so, dass es möglichst wenig auffällt – und lassen ihre Arbeit beispielsweise von 12 bis 15 Uhr ruhen. „In Frankreich nennen wir das Mittagspause.“ Bei aller kabarettistischen Übertreibung beschreibt er damit eine typisch deutsche Denkweise: Fehler zwar beklagen, für etwas streiken: aber möglichst unauffällig. Das ist bei dem Eisenbahnerstreik ein wenig anders. Ausgerechnet in der Urlaubszeit fällt ein Großteil der Züge aus. Natürlich ärgert das alle, die auf diese Verkehrsmittel angewiesen sind, und das ganz besonders in den nahezu heiligen Ferien. Aber wenn eine Gewerkschaft etwas erreichen will und den Auftrag ihrer Mitglieder hat, die Forderungen durch Streik durchzusetzen – dann muss auch so gestreikt werden, dass es den Betroffenen weh tut. Nur dann wird der öffentliche Druck möglichst schnell so groß, dass die Tarifparteien sich wieder an den Verhandlungstisch setzen. Zwar kann man fragen, ob der Vorsitzende der Gewerkschaft wirklich nur die Interessen seiner Mitglieder im Kopf hat oder vielleicht kurz vor dem Ende seiner Gewerkschafter-Zeit den Großen und Mächtigen im Land noch einmal zeigen will, wo Bartel den Most holt. Aber auf der anderen Seite ist das Verhalten der Verantwortlichen bei der Bahn auch nicht anders als schofelig zu nennen. Sie streiten mit kaum unter zu hoher Bezahlung leidenden Bahnbediensteten um wenige Euro – und lassen sich nahezu zeitgleich ordentliche Erhöhungen ihrer Bezüge zuteilen. Wenn man bei einem Firmeneigner, dessen Geschäfte bombig laufen, nachsehen mag, dass er sich einen ordentlichen Schluck aus der Pulle des Gewinns nimmt, sieht das bei der als Aktiengesellschaft organisierten Deutschen Bahn anders aus, die im alleinigen Besitz des Staates ist. Die Vorstände beziehen fixe Jahresgehälter zwischen 900.000 (der Vorsitzende), 600.000 Euro (zwei Vorstände) und 400.000 Euro (weitere Vorstände). Die Bezüge können sich durch variable Vergütungen noch etwa verdoppeln. Und das vor dem Hintergrund, dass die Bahn mit rund 30 Milliarden verschuldet ist und allein im vergangenen Jahr den Schuldenberg noch einmal um 5 Milliarden erhöht hat. Während der Vorstand seine Bezüge um 10 Prozent erhöhen haben wollte, zeigt man in diesen Kreisen für den Streik der Gewerkschaft kein Verständnis.
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