Pino ist ein Meister der gefrorenen Süßspeisen
Der Liebhaber möglichst bunter Kleidung verrät durch seine Sprache die Herkunft aus dem
Nachbarort, durch den Namen seine sizilianische Abstammung. Und darauf wies er bislang auch gerne
mit seinem Cinquecento hin. Dabei handelt es sich um keinen Nachbau, sondern ein dunkelblaues
Original des Kleinstwagens von Fiat mit einer Erstzulassung von 1972 und italienischem Nummernschild
EN für das Freie Gemeindekonsortium Enna. Das Auto ist inzwischen umgemeldet und trägt ein
Kennzeichen des hiesigen Kreises, anders als Pinos Vespa aus dem Jahr 1984, deren Nummernschild
immer noch mit CT für Catania beginnt.
Sein Eissalon am Marktplatz unseres niederrheinischen Dorfes mit S ist schon von weitem als Flecken
italienischer Lebensweise zu erkennen: Viele bunte Schirme in allen Größen und Formen bedecken den
Eisgarten, schaffen eine heimelige Atmosphäre. Pino liebt Farben. Seine Hemden könnten dem
Kleiderschrank des Jürgen von der Lippe entstammen, sind allerdings ganz deutlich taillierter.
Letztens trug er zur kurzen Hose quietschbunte, aber unterschiedliche Strümpfe: einer mit dem Lidl-
Zeichen, der andere mit Aldi. Die geräumige Terrasse begrenzen – auffällig für diese Gegend und
völlig ungewohnt – Strandkörbe. Davon rahmen ein Dutzend den beliebten Platz am Rande des Marktes
wie eine Wagenburg. Die Körbe hat Pino – geschäftstüchtig, wie er nun einmal ist – nicht gekauft,
sondern von den größten Firmen des Ortes sponsoren lassen. Als Gegenleistung hängt in jedem Korb
ein Hinweisschild auf den edlen Spender.
Es gibt keinen schöneren Ort, um morgens den Tag ganz langsam mit einem Pfeifchen beginnen zu
lassen – auch wenn Pino offiziell erst kurz vor Mittag öffnet. Der Marktplatz liegt in einer
wunderbaren Ruhe, wenn nicht gerade der griechische Betreiber einer Kneipe mit großer
Außengastronomie das Laub auf seiner Fläche mit einem nervenden Motorbläser in die Gegend pustet.
Wenn der mal nicht aktiv ist, dann ersetzt die Lärmkulisse vielleicht der Kirchendiener, der sich
ebenfalls statt einer Harke eines Krach-Monsters bedient, um die „Dom“-Umgebung zu fegen.
Von dem eher zu einem italienischen Eiscafé passenden Cappuccino zum Pastis bin ich vor einiger Zeit
gewechselt, weil das Erinnerungen an Urlaube in Südfrankreich wach werden lässt. Man muss den
Krach der brüllenden Laubbläser gedanklich nur in das sanfte Rauschen des Meeres wandeln. Die
Sonneneinstrahlung am Niederrein ist dank des Klimawandels der an der Côte d'Azur ja durchaus
schon vergleichbar.
Ein anderer allmorgendlicher Stammgast ist Herrmann, der als Rentner meistens mit dem Fahrrad
kommt und seinen Milchkaffee drinnen an der Theke trinkt. Mindestens freitags, manchmal auch noch
mal zusätzlich an einem anderen Tag, sitzt – ebenfalls drinnen – ein Mensch, der aus der
Nachbarstadt stammt und sich bei einem Kaffee ausgiebig und offensichtlich sehr genüsslich in die
Tageszeitung vertieft. Der promovierte Jurist bildete in seiner aktiven Zeit Steuerberater aus und
wird allgemein nur der Professor genannt. Außer von Pino, der spricht ihn mit seinem Vornamen Peter
an. Peter ist ein leidenschaftlicher Musiker und spielt in einer kleinen Jazz-Band. Ebenfalls zum
ausgiebigen Zeitunglesen kommt Bernd. Als Verwaltungsleiter einer Privatschule außerhalb der
Schulferien mindestens samstags. Ansonsten nahezu täglich.