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Nur nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt Es gibt unendlich viele Beispiele dafür, wie in manchen Berufsgruppen besonders intensiv vermieden wird, an dem Ast zu sägen, unter dem man es sich gerade in einer Hängematte so richtig bequem gemacht hat. Das gilt – niemand wird sich wirklich wundern – vor allem für Beamte und Politiker jeder Couleur und erklärt, weshalb es oft dauert, bis auch nur kleinste Veränderungen umgesetzt sind, obwohl im Prinzip alle sie für sinnvoll halten. Aber jedwede Vernunft muss hintanstehen, wenn persönliche Vorteile sie zunichte machen würden. Einige Beispiele: Die Politik tut sich nicht schwer damit, eine Verkleinerung des Bundestags zu argumentieren. Aber wehe, jemand schlägt praktisch eine Vergrößerung der Wahlkreise vor, die zu weniger Abgeordneten führen würde. Dann bangen sie um „ihren“ Wahlkreis. Alle Verwaltungen klagen über zu viel Bürokratie. Aber wehe, jemand will beispielsweise in der Außengastronomie einer Kreisstadt am Niederrhein eine „unterschiedliche Bestuhlung in Farbe und Form“ aufstellen. Dann zieht die dafür zuständige „technische Beigeordnete“ (Angehörige der Berufsgruppe kassieren laut Google mehr als 120.000 Euro im Jahr) einen „Leitfaden“ aus ihrem Bürokratie-Grab, nach dem das streng reglementiert werden muss. Oder jemand will die Zahl der über 90 Krankenkassen in Deutschland reduzieren, bei denen jeder Vorstand zwischen 200.000 und 400.000 Euro pro Jahr einsackt – mehr als bis auf wenige Ausnahmen jeder Arzt bekommt. Bei vergleichbaren Leistungen kommt Österreich mit drei Krankenkassen aus. Einen besonderen Fall kann man in der aktuellen Diskussion über die Nazi-Kartei sehen. Nachdem die Amerikaner ihre Unterlagen von zehn Millionen Mitgliedern in der NSDAP veröffentlicht haben und die von einigen Anbietern (zum Beispiel vom Spiegel) per KI aufbereitet und online gestellt wurden, lässt sich sowohl über Namen als auch über Orte nach Mitgliedern suchen und können eventuelle sonstige Unterlagen eingesehen werden. Die Koblenzer Bundesoberbehörde mit Bundesarchivpräsident Michael Hollmann lehnt das Online-Stellen ihrer Unterlagen ab: Jeder könne sich schriftlich an sein Archiv wenden und Auskünfte einholen, aber nicht online selbst suchen. Das kann daran liegen, dass da jemand seinen einträglichen Beritt sichern will (Besoldung B 9) – rund 15.000 Euro und über 2.000 „Untergebene“. Das könnte auch den Grund haben, dass da jemand tatsächlich den Persönlichkeitsschutz von längst Toten wesentlich höher einschätzt als die Gewissheit von Angehörigen, ob ihre Vorfahren Verbrecher waren oder vielleicht nur Mitläufer. Die Gefahr, dass da jemand noch lebende Nazi-Täter schützen will, ist nach der langen Zeit allerdings eher klein. Die hat man vielfach ohne strafrechtliche Verfolgung in Ruhe sterben lassen. Aber das könnte auch damit zu tun haben, dass vor fünf Jahren das Stasi-Unterlagen-Archiv übernommen wurde. Und da dürfte die Zahl derer noch deutlich größer sein, die nicht möchten, dass ihre Vergangenheit bekannt wird. Als Aufsichtsbehörde des Archivs fungiert der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien: Wolfram Weimer. Der ist zwar offiziell parteilos, wird aber als deutlich rechtslastig eingeschätzt, wogegen auch seine früheren beruflichen Stationen bei Welt, Focus und Cicero nicht sprechen – ganz abgesehen von den unappetitlichen Aktivitäten seiner Weimer Media Group.
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