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„Ich kann Eure Fressen nicht mehr sehen!“ Der Satz klingt nicht nach Hochsprache, aber den Anspruch erfüllte Joachim Gauck, der evangelisch-lutherische Pastor und Ex-Bundespräsident, mit seinem Spruch von den „bekloppten“ Impfverweigerern auch nicht. Meine Überschrift stammt im Ursprung von dem damaligen „Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes“ Ronald Pofalla. Der hatte als Diplom-Sozialpädagoge zumindest Grundkenntnisse von Erziehung und Bildung und als Volljurist auch die nötige Ahnung von dem, was beleidigend ist. Trotzdem rotzte der jetzt für Infrastruktur zuständige Vorstand der Deutschen Bahn AG Wolfgang Bosbach, seinem CDU-Kollegen, seinerzeit zu: „Ich kann Deine Fresse nicht mehr sehen.“ Hallo, Herr Pofalla. Ich bitte herzlich um Nachsicht, dass ich in der Überschrift Ihren Satz übernommen habe – allerdings leicht abgewandelt. Es ist nämlich nicht eine einzige Visage, die ich nicht mehr sehen kann, sondern es sind jede Menge Fressen. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach, immerhin habe ich Sie korrekt als Quelle zitiert – was in der Politik nicht bei allen (auch abgewandelten) Kopien üblich sei, wie man gelegentlich erfährt. Mir geht nicht eine bestimmte Fresse tierisch auf den Geist, sondern gleich eine ganze Reihe. Genauer: Ich kann die Politiker nicht mehr sehen, ihr Geschwätz nicht mehr hören. Das ist kein Austausch von Argumenten, sondern da werden billigste Casting-Shows aufgeführt. Leider oft moderiert von Menschen, denen weniger daran gelegen ist, die Gäste durch geschickte Fragen zu „knacken“, sondern die lieber sich selbst als andere sprechen hören und das Benehmen oft mit einer Gabel gelöffelt zu haben scheinen: Ausreden lassen, das war früher. Jeder quatscht rücksichtslos jedem rein. Getan wird bei all dem so, als würden sich drei Figuren für das Kanzleramt bewerben, vier machen Reklame für ihre Parteien. Dabei entsteht der völlig falsche Eindruck, bei der Wahl wäre jemand direkt in das Kanzleramt zu wählen. In Wirklichkeit werden Parteien gewählt – und wer dann in welchen Hinterzimmern und von wem für das Kanzleramt ausgekungelt wird, das entzieht sich der Entscheidung von uns, dem einfachen Stimmvieh. Zumindest einige werden sich daran erinnern, wie die Wähler bei der vorigen Europa- Wahl über den Tisch gezogen wurden: Erwartungsgemäß hatte zwar der EVP- Spitzenkandidat Manfred Weber gewonnen, aber in Hinterzimmern wurde ausgekungelt, die Flinten-Uschi genannte Verteidigungsministerin Dr. med. Ursula von der Leyen in das Amt zu wählen. Das unwürdige Geschachere damals hat vielleicht den Grundstein gelegt für mein starkes Misstrauen dem gegenüber, was uns Wählern vorgelogen wird. Aber vielleicht war das auch schon da und ist bei der Europa-Wahl nur noch einmal deutlich verstärkt worden. Während – hier in der Gegend – zum Glück nicht mehr von jedem zweiten Baum oder von den Straßenlaternen die Köpfe derer herunterblicken, die uns in der nächsten Wahlperiode im Bundestag verschaukeln wollen, kann man den Fernseher kaum noch einschalten, ohne direkte Wahlwerbung zu sehen – oder zumindest wieder eine als Bericht verkleidete Werbung oder eine Laberstunde – je nach Medium für die eine oder andere Partei.
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