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Die neue Frage: Siezt Du noch oder Duzen Sie schon? Als eine regelrechte Duz-Maschine galt zu seiner aktiven Zeit als Sportreporter Waldemar Hartmann, und mit einigem Stolz bezeichnete er sich auch selbst so. Er duzte alles, was ihm vor das Mikrofon kam. Ähnlich penetrant geht der gelernte Koch Horst Lichter mit seinen Mitmenschen um, wenn er in der Fernsehsendung Bares für Rares die Besucher nach ihren Namen fragt. Die meisten nennen ihm gleich ihre Vornamen. Aber selbst dann, wenn jemand Vor- und Familiennamen nennt und Lichter sie zunächst korrekt siezt, hindert ihn das nicht daran, zum Duzen zu finden. Manchmal vermeidet er das Sie gekünzelt mit der Umschreibung: „Welche Summe soll denn mit nach Hause gebracht werden?“ Manchmal fragt er aber auch völlig unverblümt: „Wat willse dafür haben.“ Während ganz früher sogar innerhalb der Familie gesiezt wurde und das Du allenfalls im Sport oder am Stammtisch üblich war, hat sich die vertraute Anrede vor allem in jungen Firmen im Kreativ- oder IT-Bereich verbreitet. Mit der Besonderheit einer „Zwischenlösung“, der sogenannten „Hamburger Anrede“: Da wird als Zeichen einer modernen Verbundenheit der Vorname genannt, das Gegenüber aber gleichwohl mit „Sie“ angesprochen. Inzwischen hat die Duzerei auch in größeren Firmen Einzug gehalten und wird zum Teil sogar als Instrument der Kundenbindung eingesetzt. Ikea mit seiner sehr oft jüngeren Käuferschaft hatte schon vor fast 20 Jahren die intime Ansprache zum Geschäftsprinzip erhoben. Mit ein paar Jahren Verspätung folgten Adidas und Apple, und inzwischen hat sich auch Aldi dem Duz-Club angeschlossen. Während in Bayern das Duzen zumal in ländlichen Gegenden durchaus üblich ist, werden dennoch feine Unterschiede gemacht. Da kann es dann zu auffälligen Kombinationen kommen – wenn beispielsweise der Pfarrer am Stammtisch angesprochen wird mit: „Du, Hochwürden, sag mal . . .“ Im Freistaat kommt es aber auch häufig vor, dass jemand mit dem Familiennamen angesprochen und zugleich geduzt wird: „Du, Huber.“ Dessen Angetraute wird selten Frau Huber genannt, sondern ganz einfach: „Du, Huberin.“ Umstritten ist, ob das schnelle Du von der Protestgeneration der 68-er eingeführt wurde. Fest steht allerdings, dass zu der Zeit einige Lehrer, die wohl als besonders fortschrittlich erscheinen wollten, ihren Schülern das Du anboten. Davon, dass derlei Vertrautheit besonders positive Auswirkungen auf deren Leistung hatte, ist nichts bekannt. Interessant sind die Angaben einiger Leserbriefschreiber zu dem Thema. Das geht von: „Sind alle Duz-Gegner noch im Tiefschlaf? Das sind doch Einstellungen von vorgestern.“ Bis zu: „Schon wieder ein links-versiffter Versuch, unsere Kultur kaputt zu machen.“ Aber auch ganz pragmatisch: „Mir egal. Sie Arschloch kommt mir nicht schlechter über die Lippen als Du Arschloch.“
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