Die deutsche Bürokratie hat zwei Gesichter
Bekannt sind im Grunde beide Gesichter, aber es kommt nicht oft vor, dass ein und dasselbe Amt
sie beide mit relativ kurzem zeitlichen Abstand derart deutlich zeigt.
Da gibt es auf der einen Seite die erbsenzählenden Korinthenkacker, die man sich gerne
Ärmelschoner tragend hinter mit Akten vollgepackten Schreibtischen vorstellt, von wo aus sie die
Bürger so piesacken, als handelte es sich dabei immer noch um Leibeigene wie im vorigen
Jahrhundert, das ja zugleich das vorige Jahrtausend ist.
Im Zusammenhang mit unfähigen Bürokraten fällt den meisten Menschen als Stichwort „Schilda“
ein. Dem fiktiven Ort werden mannigfache Dämlichkeiten zugeschrieben: ein fensterloses Rathaus,
in das sie Sonnenlicht mit Eimern tragen wollten; Felder, auf denen sie Salz anbauen wollten. Und
dann die Geschichte, als der Kaiser zu Besuch kommen wollte. Sie sollten zu seinem Empfang „halb
geritten und halb zu Fuß“ kommen, womit er meinte, dass zu Fuß kommen sollte, wer kein Pferd
besitzt. Die Schildbürger verstanden das falsch und ritten ihm auf Steckenpferden entgegen – was
der Kaiser letztlich mit absoluter Narrenfreiheit belohnte.
Auf der anderen Seite machen beamtete Sesselfurzer immer wieder von sich reden, wenn sie ihren
Aufgaben nicht nachkommen, indem sie beispielsweise ihresgleichen bevorzugen, wie derzeit das
Beispiel einer Beamtin zeigt, die seit 17 Jahren krankgeschrieben ist, aber immer noch ihr Gehalt
bezieht.
Oder Prüfer eines Amtes, das zweimal eine Firma besuchte, deren Unterlagen sichtete, aber nichts
zu beanstanden fand – während bei einer dritten Prüfung auffiel, dass der Geschäftsinhaber in
nicht unerheblichem Maße den Staat geschädigt hatte, indem er sich in 2871 Fällen Steuern
erstatten ließ, die er gar nicht bezahlt hatte. Erst danach konnte der Kriminelle vor Gericht
angeklagt werden wegen der Steuerhinterziehung von 38 Millionen und letztlich auch zu acht Jahren
Gefängnis verurteilt werden.
Nicht irgendeine andere Behörde, sondern just das Amt erlaubte sich jetzt einen weiteren
Fauxpas, der zwar bei weitem keinen derart gravierenden Schaden verursachte wie die
schlafmützigen Prüfer in dem vorigen Beispiel – gleichwohl mehr als deutlich zeigt, wie geistlos in
eben diesem Amt gearbeitet wird.
Da hatte ein Steuerzahler insgesamt 121.000 Steuern zu bezahlen, aber bei den verschiedenen
Überweisungen insgesamt 11 Cent (0,11 Euro) zu wenig. Auf den Fehler machten die peniblen
Bürokraten den Geschäftsmann aufmerksam mit dem freundlichen Angebot, die Fehlsumme – da sie
weniger als 3 Euro betrug – mit der nächsten fälligen Zahlung zu überweisen. Wäre der Betrag
höher als 3 Euro gewesen, hätte er sofort beglichen werden müssen.
Die 11-Cent-Forderung wurde natürlich nicht kostengünstig per Mail zugestellt – viele Ämter
fremdeln immer noch mit dem Kommunikationsmittel nach aktuellem Stand der Technik. Der
freundliche Brief wurde ausgedruckt, einkuvertiert und per Post zugestellt. Dafür war der
Umschlag mit sage und schreibe 85 Cent frankiert.
Die Behörde residiert übrigens in dem Ort, in dem die Karnevalisten alljährlich die Karnevalssession
mit einem Ritt um die sogenannte Narrenmühle eröffnen: auf Steckenpferden.