Die Wiesn-Wirte machen Platz in ihren Tresoren
Das Oktoberfest naht, der Aufbau geht voran – und in wenigen Wochen startet das größte Volksfest
der Welt. Gegner beschimpfen es als größtes Alkoholiker-Treffen – und meinen damit den oft
ausschweifenden Bierkonsum vor allem in den 14 Großzelten, in denen gleichzeitig deutlich über
100.000 durstige Kehlen betankt werden können.
Des einen Ärger ist des anderen Freud: Die Wiesn-Wirte räumen schon mal ihre Tresore leer, um
Platz für die diesjährigen Gewinne zu machen. Um die wurde traditionell ein großes Geheimnis
gemacht. Gerüchteweise hieß es, jeder Betreiber eines Großzeltes könnte sich nach der Wiesn ein
Reihenhaus in der Stadt leisten – was bei den Münchner Preisen auf ein rundes Milliönchen Euro
schließen ließ. Die Wirte schwiegen dazu, also blieben die Vermutungen in der Größenordnung, und
die Mär hielt sich sehr lange.
Bis der damalige Festwirt des Hippodroms, das sich seit 1902 von einer Reitbahn zum Hort der
Münchner Schickeria entwickelt hatte, wegen schwerer Steuerhinterziehung vor Gericht musste und
verurteilt wurde. Dabei wurde ein Gewinn (vor Steuern allerdings) nicht von einer, sondern von zwei
Millionen öffentlich – bei lediglich knapp 3500 Plätzen. Weil die Verhandlung schon 2014 stattfand,
darf man davon ausgehen, dass die Gewinne in den seither vergangenen zwölf Jahren kaum gewaltig
geschrumpft sind – und zumindest bei den 14 Großzelten noch deutlich höher liegen dürften.
In der Schottenhamel-Festhalle mit rund 9000 Sitzplätzen innen und 2700 zelebriert seit 1950 der
jeweilige Oberbürgermeister den Anstich und reicht die erste Maß dem amtierenden
Ministerpräsidenten. Das Hofbräu-Festzelt ist der größte Biertempel und verfügt über fast 10.000
Plätze. Als Prominenten-Hütte (vor allem des FC Bayern und vieler Stars und Sternchen) gilt das als
„Käfer Wies-Schänke“ bekannte Holzblockhaus mit zwei Ebenen (innen 1500 und außen gut 2000
Sitzplätze). Die Käfer Wiesn-Schänke begann 1971 als kleine Hendlbraterei mit gerade einmal 50
Sitzplätzen.
Bier macht bei Preisen um die 15, 16 Euro pro Maß in allen Zelten den Großteil der Umsätze aus,
allerdings tragen die Speisen (zum Beispiel halbe Hendl zwischen 17 und 22 Euro) ihr Scherflein dazu
bei.
Selbst ein kleines Zelt mit 3000 Plätzen bringt allein an Bier in den gut zwei Wochen 4,5 Millionen
Umsatz – da sind die Speisen noch nicht eingerechnet. Das dürfte schon für eine Million Gewinn
reichen. Die Statistik sagt: An die sieben Millionen Besucher geben im Schnitt 90 Euro pro Person
aus.
Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Hochzeitsfeier von Kronprinz Ludwig von Bayern mit
Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, die das Fest auf der Theresienwiese begründete,
wurde 2010 zum ersten Mal ein historisches Oktoberfest („Oide Wiesn“) auf einem eingezäunten
Gelände präsentiert: In drei Zelten wird eher traditionelle Blasmusik gespielt, sollte das
Oktoberfest auch für Familien und ältere Besucher wieder attraktiver werden, denen die „normalen“
Wiesn oft zu laut und zu hektisch sind. Der Erfolg gab den Erfindern Recht: Statt der von der
Stadtverwaltung erwarteten 300.000 Gäste kamen weit mehr als eine halbe Million Besucher. Das
Gelände musste mehrfach, wie sonst nur Bierzelte, wegen Überfüllung vorübergehend geschlossen
werden.