Das Bild der Schützenfeste hat sich gewandelt
Es ist einige Jahre her, dass ich in einer Glosse einen Bogen geschlagen hatte von den feierlichen
Einmärschen der Schützenbruderschaften und -vereine in die Festzelte zu den ebenfalls bunten
Almabtrieben südlich des Weißwurstäquators.
Schützenfeste sind die jährlichen Höhepunkte im Leben der Bruderschaften, die zum Teil aus einer
Art Bürgerwehr entstanden, um im Mittelalter Städte oder Siedlungen vor marodierende Banden
schützten. Andere Vereine sind aus Sportschützen entstanden, bei denen der Umgang mit Gewehren,
aber auch mit Armbrust und Bogen weder militärischen noch jagdlichen Ursprung hat, sondern die
Waffen als Sportgeräte eingesetzt und verstanden werden.
Meist wird im Verlaufe oft mehrere Tage dauernder Feierlichkeiten der Schützenkönig für das
nächste Jahr ermittelt. Das ist sinnvoll, damit sich alle Beteiligten auf die finanzielle Belastung
durch das Fest einstellen können. Für den König kann es durchaus zu fünfstelligen Beträgen kommen.
Der Vogel besteht oft aus Holz und wird an der Spitze einer mehrere Meter langen Stange montiert.
Diesen Vogel gilt es, mit Kleinkalibermunition abzuschießen. Das passiert kaum einmal im Stück,
sondern es platzen nach und nach Teile des Holzvogels ab. König ist, wer das letzte Stück abschießt.
In einigen Regionen werden auch die Erbeuter von Teilen geehrt, so dass es neben dem „Hauptkönig“
zum Beispiel einen oder gleich zwei „Flügelkönige“ gibt.
Früher konnte sich in manchen Regionen der beste Schütze für ein Jahr von seinen Steuerabgaben
freischießen. Die Zeiten sind vorbei.
Wichtiger Bestandteil des Schützenfestes sind Umzüge durch oft festlich geschmückte Straßen mit
möglichst vielen Teilnehmern und oft mehreren Musikkapellen sowie abendliche Feste in
Schützenhallen, in den Sälen örtlicher Wirtshäuser oder in eigens dafür aufgebauten Festzelten.
Als ich vor Jahren die Festzüge zu den abendlichen Festbällen mit heftig aufgebrezelten Damen an
den Seiten der Könige, Minister und Offiziere beschrieb, verglich ich die figürlichen Ausdehnungen
mancher - oft nur mühsam von festen Brokatstoffen in Form gehaltener - Körper mit ebenfalls
feierlich geschmückten Weidetieren beim Abtrieb jenseits der Weißwurstgrenze. Das gab ordentlich
Ärger: Mein stellvertretender Chefredakteur hatte gleichzeitig eine herausragende Stellung im
Schützenwesen inne.
Solche Vergleiche drängen sich heute nur noch selten auf: Viele Teilnehmerinnen präsentieren sich
den Zuschauern rank und schlank in schickem Outfit (wenn eine solche Bemerkung in MeToo-Zeiten
überhaupt noch erlaubt ist). Dabei sind die Damen immer öfter nicht mehr nur Anhängsel von König
oder Minister, sondern selbst die Hauptpersonen als Königin und Ministerin – mit in schwarzen
Anzugstoff eng gepressten „festen“ Begleitern an ihren Seiten.