Auf dem schlimmsten Weg zur Einheitszeitung
Ursprünglich bedeutete das Wort Zeitung einfach Nachricht. Bis vor einiger Zeit stand es für ein
auf Papier gedrucktes Produkt mit Rubriken wie Politik, Wirtschaft, Sport, Feuilleton und Lokales.
Heute gilt der Begriff auch für elektronische Medien.
Während vor Jahren das Verlegen von Zeitungen fast einer Erlaubnis zum Drucken von Geld glich,
haben ein zunehmender Interneteinfluss und das geänderte Interesse vieler Menschen das Bild
gewandelt. Zum Veröffentlichen von Nachrichten oder Meinungen sind weder teure Techniken wie
Setzereien oder Druckereien nötig noch der meist arg unterschätzte Aufwand für den Vertrieb.
Manche Verlage versuchen, dem entgegenzuwirken, indem sie durch die Übernahme von Zeitungen in
der Nachbarschaft Synergieeffekte erzielen wollen – zum Beispiel die teure Technik für die
Herstellung der Zeitungen besser auszunutzen. Andere reduzieren die Kosten, indem sie
beispielsweise im Verlauf der Woche nur noch (günstiger) elektronisch publizieren und lediglich am
Wochenende gedruckte Zeitungen auf den Markt bringen.
Wiederum andere „sparen“ am Inhalt. Da gibt es Zeitungen, die zunehmend mehr Artikel von
Agenturen einkaufen: Viele Seiten bestehen fast nur aus Texten der Deutschen Presseagentur
(dpa), des Sport-Informations-Dienstes (sid), der Katholischen Nachrichtenagentur (kna) oder der
Agentur Reuters. Die Beiträge haben zwar eine hohe Qualität, aber führen zu einer
Vereinheitlichung der Zeitungen.
Grausamste Fehler ärgern die Leser, selbst in den früher einmal „heiligen“ Leitartikeln aus den
Chefredaktionen, weil schon lange kaum noch Korrektoren eingesetzt werden. Auf der anderen Seite
arbeiten höchst qualifizierte Schreiberlinge an Themen, von denen sie wenig Ahnung haben. Wie
beim Bericht über einen Kindergarten: Da fehle nur noch der E-Stricht (sic!) - analog der
Schreibweise bei E-Auto oder E-Mail. Dabei war die Autorin studierte Sinologin (mit
Masterabschluss), aber keine Alltagsspezialistin. Früher hätte einen solchen Text der Briefträger
als freier Mitarbeiter verfasst.
Und dann sind da die Lokalteile, die immer mehr vernachlässigt werden, damit allerdings dem
mangelnden Interesse vieler Menschen entsprechen, die nicht mehr die Verbindung zu „ihrem“
Wohnort spüren: Sie haben einen Ort zum Arbeiten und einen zum Schlafen – ohne emotionale
Verbindung zu diesem. Eine Lokalseite besteht oft nur aus einem großen Artikel, den KI einpasst
und um ein in der Größe variables Foto fließen lässt.
Lokalpolitik kommt nur noch ausnahmsweise vor, über Ausschusssitzungen wird gar nicht mehr
berichtet, obwohl dort die Meinungsbildung stattfindet und unterschiedliche Bewertungen und
Einordnungen durch Parteien und Wählervereinigungen zum Ausdruck kommen. Bei den späteren
Ratssitzungen werden vorher diskutierte Punkte nur noch abgehakt. Wenn keine politischen
Diskussionen mehr öffentlich stattfinden, verhindert das Transparenz, führt auch zu
Politikverdrossenheit und schadet der Demokratie.
Die Schraube dreht sich konstant weiter nach unten: Das weniger interessante Leseangebot führt zu
abnehmendem Interesse möglicher Zeitungskäufer, weniger verkaufte Exemplare führen zu noch
stärkeren Einsparungen der Verlage.