franzleomai.de Glossen - Infos - Kommentare
Alles ist anders: Schwanz-Vergleiche damals und heute  Neben unserer einklassigen Volksschule waren mehrere Schuppen, ganz am Ende ein steinalter Bau mit vier Toiletten und daneben, hinter einer Sichtschutzmauer, der Raum für das kleine Geschäft der männlichen Schüler. (In der guten alten Zeit kannte man nur Männlein und Weiblein.) Da haben wir also das Wasser gegen eine Wand abgeschlagen (vulgo: gepinkelt), von wo die Brühe in einer Rinne ablief. Wenn nach den Sommerferien die Wand eine neue Teerfarbe trug, lag der Ehrgeiz von allen darin, die eigene Spur möglichst hoch zu markieren. Viele Jahrzehnte später werden die Schwanz-Vergleiche anders ausgetragen: In der Hauptsache mit dem Auto. Zu kurz Geratenen wird gerne nachgesagt, dass sie zum Porsche als Penis-Verlängerung greifen. Da fällt einem zum Beispiel spontan der Vorsitzende einer Partei ein, die sich vehement gegen Tempo 130 wendet, der schon mit 19 Jahren seinen ersten Porsche kaufte und jetzt mit 42 Jahren einen alten 911 SC fährt – wenn er sich nicht gerade mit einer luxuriösen Dienstlimousine kutschieren lässt. Noch schlimmer sind die Tuner, Poser und Raser. Das sind oft junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die „Defizite in anderen Lebensbereichen“ (Verkehrspsychologe Dr. Karl- Friedrich Voss) dadurch auszugleichen suchen, mit möglichst extrem aufgemotzten Autos anzugeben. Sie treffen sich zur gegenseitigen Bewunderung auf bestimmten Straßen oder Plätzen, die oft an dem durch irre Fahrmanöver in den Asphalt gebrannten Gummiabrieb zu erkennen sind. Eine Steigerung der Tuner und Poser, deren Tun meist „nur“ als Ordnungswidrigkeit bewertet wird, ist eher dem Verbrechen zuzurechnen. In der Klasse bewegen sich die Raser. Auch wenn manche Gerichte leider nicht die volle Schärfe des Gesetzes ausschöpfen, besteht kein Zweifel daran, dass sie vielfach als Mörder verurteilt werden müssten. Vielleicht begeben sie sich nicht unbedingt mit einer direkten Tötungsabsicht auf eine Straße. Aber wer – wie es unlängst mehrmals vorkam – bei einer solchen Raserei zum Teil über 100 km/h zu schnell in geschlossenen Ortschaften unterwegs war und dabei jemanden tödlich verletzte, der hat den Tod eines Menschen billigend in Kauf genommen. Das kann vernünftigerweise nicht anders gewertet werden als „bedingter Vorsatz“. Bei solchen Verbrechern reicht keine Bewährungsstrafe, die gehören auf lange Zeit aus dem Verkehr gezogen. Eine völlig neue Eskalationsstufe hat das Schwanz-Vergleichen in den vergangenen Wochen angenommen, als Menschen sich in Raketen (noch eindeutiger eine Phallus-Form als jeder Sportwagen) in die Luft schießen ließen. Auch wenn die erreichten Höhen (in einem Fall bei 90 und im anderen bei 100 Kilometern) nicht richtig im Weltall waren, sondern den allenfalls ankratzen konnten, haben die Wettkämpfe zweifellos eine neue Dimension erreicht. Schon in absehbarer Zukunft wollen weitere Aspiranten zeigen, was sie in der Hose haben – oder vielmehr im Portemonnaie. Das aktuelle Vermögen von derzeit 200 Milliarden Dollar reicht ihm nicht mehr: Weitere Gewinne will zum Beispiel Amazon-Chef Jeff Bezos dadurch erschließen, dass er in weniger als zehn Jahren den Mars kolonialisieren und eine Million Menschen dorthin transportieren möchte. Wie gerne würde man an der Liste derjenigen mitarbeiten, die auf den Mars geschossen werden . . .
franzleomai.de Glossen - Infos - Kommentare Inhalt